23.11.2020

MINT-Herbstreport: Bedarf an MINT-Fachkräften sinkt krisenbedingt

Die Corona-Pandemie hinterlässt auch Spuren auf dem MINT-Arbeitsmarkt. Die MINT-Lücke ist im Oktober deutlich geschrumpft. Langfristig wird der Bedarf an MINT-Fachkräften aber erheblich steigen.
Der MINT-Herbstreport, den das IW im Auftrag von BDA, BDI, Gesamtmetall und der Nationalen Initiative „MINT Zukunft“ erstellt, zeigt eine deutliche Auswirkung der Corona-Krise auf den Bedarf an MINT Fachkräften. Die MINT-Lücke ist zwischen Februar und Oktober 2020 von 193.500 auf 108.700 gesunken. Im Vorjahresvergleich ist im Oktober sogar ein Rückgang von knapp 60 % zu verzeichnen. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Berufssegmenten jedoch erheblich. Der Bedarf an besonders stark mit der Produktion verknüpften Fachkräften hat sich aufgrund von Produktionsstopps bzw. Auftragsrückgängen deutlich reduziert. Im selben Bereich hat die Nachfrage nach Experten, die eher auch in der Forschung und Entwicklung tätig sind, nur leicht nachgelassen. In den Elektro- und Energieberufen, den Bau-Berufen und den IT-Berufen bleiben die Lücken weiter auf hohem Niveau. Hier zeigen sich trotz der Krise bereits deutliche Trends im Hinblick auf Dekarbonisierung, Digitalisierung sowie der demografische Ersatzbedarf.

Strukturell bedingt wird die Nachfrage nach MINT-Fachkräften daher in den nächsten Jahren wieder deutlich zunehmen. Die Digitalisierung ganzer Wirtschaftsbereiche hat während der Corona-Krise weiter an Bedeutung gewonnen. Datengetriebene Geschäftsmodelle sind zunehmend wettbewerbsrelevant. Ohne entsprechend qualifizierte Fachkräfte besteht schon heute ein deutliches Innovationshemmnis. Das jährliche Neuangebot an beruflich qualifizierten Fachkräften im MINT-Bereich wird in den kommenden Jahren deutlich unter dem demografischen Ersatzbedarf liegen. Im akademischen Bereich werden rund zwei Drittel der MINT-Absolventinnen und Absolventen allein dafür benötigt, den Ersatzbedarf zu decken. Ohne qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland werden die Herausforderungen nicht zu bewältigen sein.

Ein besonderes Augenmerk muss daher auch weiterhin auf dem MINT-Nachwuchs liegen. Besorgniserregend ist dabei, dass die Corona-bedingten Schulschließungen im Frühjahr zu erheblichen Lernlücken gerade auch im MINT-Bereich geführt haben. Erste Untersuchungen in Flandern zeigen im Vergleich zu früheren Kohorten deutliche Abweichungen bei den Lernständen der betroffenen Schülerinnen und Schüler. In Deutschland war die Situation während der Schulschließungen vergleichbar und die Rahmenbedingungen im Hinblick auf digitalen Ersatzunterricht nicht besser als in Flandern. Auch wenn während der Corona-Krise keine bundesweiten vergleichenden Lernstandserhebungen erfolgt sind, steht daher zu befürchten, dass die Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaft wir bereits in den vergangenen Jahren weiter sinken werden. Der MINT-Unterricht an Schulen muss daher weiter gestärkt werden, Studien- und Berufswahl ausgeweitet werden und MINT-Kapazitäten an den Hochschulen ausgebaut werden. Alles steht und fällt aber mit der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie der Ausstattung der Schulen. In beiden Bereichen besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf.